... mit dem Blick für's Wesentliche.

Auf der Lauer

04.03.2010

Sie observieren Wirtschaftskriminelle, suchen Schuldner, ertappen Schwarzarbeiter auf frischer Tat und schnüffeln untreuen Ehemännern hinterher: In Deutschland sind rund 1.500 Detektive tätig. Wie arbeiten sie? Wer sind ihre Auftraggeber? Und wie gefährlich leben sie wirklich? Einblicke in den aufregenden Ermittleralltag, der mir Fernsehserien wie „Lenßen & Partner", „Ein Fall für zwei" oder „Magnum" allerdings kaum etwas gemeinsam hat.

Bitte keine Fotos", sagt der Detektiv am Telefon. Ja, für ein Interview stehe er gerne zur Verfügung. Ja, seinen Namen könne ich in meinem Artikel nennen – als Ermittler arbeite er sowieso unter diversen Alias-Namen. Sein Gesicht dürfe in den Medien aber nicht auftauchen. Der Grund: Raoul Classen will unerkannt bleiben, er wird häufig als verdeckter Ermittler eingesetzt. Raoul Classen ist der Detektiv, mit dem ich mich treffe. Er ist 42 Jahre alt, Vater eines Sohnes und einer Tochter, eher klein als groß, sympathisch. Zu unserem Treffen trägt er einen hellen Mantel und einen Hut. Er fängt mich auf der Hohenzollernstraße ab. Gemeinsam betreten wir die Detektei DETEK. Hohe Räume, Holzparkett, elegantes Ambiente, dunkle Ledercouch, schwere Sessel. Wer hier wohl außer mir schon gesessen hat? Die gehörnte Ehefrau, um ihren untreuen Gatten beschatten zu lassen? Der Konzernchef, der seinen Abteilungsleiter wegen Unterschlagung und Spesenbetrug dran kriegen wollte? Der prominente Politiker, der bewaffneten Personenschutz angefordert hat?

„Etwa 80 Prozent unserer Aufträge kommen aus der Wirtschaft. Die anderen 20 Prozent sind Ermittlungen für Privatpersonen", sagt Classen. Er ist Mitbegründer der DETEK, einer der führenden Wirtschaftsdetekteien in Deutschland. Außer in Hannover hat das Unternehmen acht weitere Einsatzzentralen in Städten wie Berlin, Frankfurt und München. Ermittelt wird jedoch weltweit. In London, Marbella und Zürich sind Repräsentanzen direkt vor Ort.

DETEK gehört in Hannover zu den größeren Detekteien. Die Zahl der Ermittler variiert. „Wenn es ein Fall erfordert, können wir unsere Teams auf bis zu 50 Mitarbeiter aufstocken", sagt Classen. Die Ermittler sind allesamt Profis und kommen unter anderem aus den Bereichen Kriminalistik, Abhörschutz, Wirtschaft, Finanzwesen und Recht, EDV und IT.

Classen kommt vom Militär. Seine Vita würde James Bond vermutlich vor Neid erblassen lassen: Classen hat verschiedene militärische Spezialausbildungen im Fernmeldewesen der Bundeswehr absolviert. Zuletzt war er als Abteilungsleiter im Nachrichtenzentrum des NATO-Hauptquartiers in Brüssel, erstellte und überwachte Sicherheitskonzepte zum Informationsschutz und zur militärischen Spionageabwehr von NATO-Dienststellen in Europa. 1999, nach dem Jugoslawienkrieg, wechselte er in die freie Wirtschaft, leitete unzählige Ermittlungen im Bereich der Wirtschaftskriminalität. Classens Spezialgebiet: die Aufklärung und Abwehr von Industriespionage in Unternehmen.

Mitarbeiter bilden die Schwachstellen

„Konkurrenzunternehmen operieren im verschärften internationalen Wettbewerb zunehmend mit dem Mittel der Spionage", sagt Classen. Konkurrenz- und Wirtschaftsspionage dürfe man jedoch nicht verwechseln: Während Staaten Wirtschaftsspionage betreiben, wird Konkurrenzspionage – umgangssprachlich auch Industriespionage genannt – hingegen durch konkurrierende Unternehmen ausgeübt. Ausgespäht werden dabei Informationen aus Forschung und Entwicklung, Produktionsprozesse, Marketingstrategien, Mitarbeitergehälter, Rezepturen und Patente. Produktpiraterie ist gerade in der Messestadt Hannover ein großes Thema. „Die meisten Firmen investieren in teure Firewalls für ihre Computer. Schwachstellen bilden aber häufig die Mitarbeiter", weiß Classen. Da würden geschredderte Papierschnipsel wieder zusammengesetzt, heimlich vertrauliche Dokumente fotokopiert oder Praktikanten oder Reinigungskräfte als Spitzel eingeschleust. Betroffen sind nicht nur Konzerne, sondern zunehmend auch mittelständische oder kleine Unternehmen. Catering-Service A kupfere etwa die Kostenkalkulation oder die Häppchenpräsentation bei Catering-Service B ab. „Meistens kommen die Firmen jedoch zu uns, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Wenn plötzlich massive Umsatzeinbußen verzeichnet werden oder etwa langjährige Kunden abspringen", weiß Classen. Alteingesessene Handwerksbetriebe gehen mitunter den Bach runter, weil sie die Konkurrenz zu spät erkannt haben.

Aktuell arbeitet Classen an mehreren Projekten gleichzeitig: Heiratsschwindel und Personaldiebstahl sind zwei davon. Häufig zu tun gehabt hat er in der letzten Zeit zudem mit gefälschten Lebensläufen: Gerade wenn es um die Einstellung von Führungskräften mit hohen Gehältern geht, forschen immer mehr Firmen nach, ob der Bewerber auch tatsächlich in Oxford studiert hat oder in der namhaften Firma wirklich Abteilungsleiter oder vielleicht doch nur Zuarbeiter war. „Bei Auslandsaufenthalten wird gerne gelogen. Da schmücken sich viele mit fremden Federn", sagt Classen. Der Detektiv kommt den Hochstaplern in der Regel schnell auf die Schliche. Was der Auftraggeber dann mit dem „Beweismaterial" macht, bleibt jedoch ihm überlassen. Häufig würde er mit dem Betroffenen zu einer außergerichtlichen oder betriebsinternen Lösung finden. „Das hat den Vorteil, dass ungewollte negative Schlagzeilen in der Öffentlichkeit vermieden werden", weiß Andreas Hoppe, der bei DETEK für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Im Gegensatz zu Hoppe ist Classen in der Detektei der Praktiker. Der, der observiert, hinterher geht, dran bleibt. Classen liebt seinen Beruf. Auch, wenn sein Job mitunter morgens um sechs Uhr beginnt und erst gegen Mitternacht endet. Auch, wenn er zum Observieren mal den ganzen Tag im Auto sitzen muss. „Im Winter kann´s da ganz schön kalt werden. Man darf ja nicht die ganze Zeit den Motor laufen lassen", sagt der Detektiv. Seine Frau hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ihr Mann viel unterwegs sei. Einmal ist Classen einer Zielperson mit dem Taxi erst zum Flughafen Langenhagen, von dort mit dem Flieger nach Paris und dann nach Nizza nachgereist. Als der Observierte einen Hubschrauber nach Monaco nahm, flog Classen hinterher. „Meine Kreditkarte hat geglüht und meine Nerven lagen blank", erinnert sich Classen. Die Kosten muss am Ende der Auftraggeber übernehmen. Er kann den Auftrag jederzeit stoppen. Mit ihm steht Classen in ständigem Kontakt.

Zwei Handys gehören zu Classens Standardausrüstung. Ebenso ein Fotoapparat, zwei oder drei Jacken, eine Zahnbürste, eine Kreditkarte, ein Navigationsgerät, ein Diktiergerät und natürlich ein Auto. „Am unauffälligsten ist ein silberner VW Golf. Wenn die Zielperson allerdings mit dem Sportwagen über die Autobahn braust, muss auch schon mal was Schnelleres her", erklärt Classen. Eine Waffe trägt er nicht. „Ein guter Detektiv ermittelt im Hintergrund und bringt sich gar nicht erst in gefährliche Situationen", sagt er.

Noch wichtiger als das Equipment ist aber Köpfchen. „Man muss pfiffig sein", betont Classen. Denn die Zielpersonen sind häufig mit allen Wassern gewaschen. Der Detektiv greift mitunter tief in die Trickkiste, um Väter, die sich wegen Unterhaltsforderungen verstecken, Wirtschaftskriminelle, Betrüger oder Stalker zu überführen.

Detektive müssen anpassungsfähig sein

Das Zauberwort lautet „legendierte Kontaktaufnahme": Um an Informationen zu kommen, nimmt der Detektiv eine falsche Identität an. „Ich verbringe manchmal Tage damit, mir möglichst überzeugende Geschichten auszudenken, mit denen ich dann das Vertrauen der Zielperson gewinne", erklärt Classen. Der Detektiv ist anpassungsfähig wie ein Chamäleon. Als Ermittler muss er sich im Fünf-Sterne-Club genauso ungezwungen aufhalten können wie in der Hafenkneipe. Zur Tarnung hat Classen sogar Golfspielen gelernt – und seinen Zielpersonen beim Einlochen ganz nebenbei so manche wichtige Information entlockt.

Legal in fremde Wohnungen zu gelangen gehört zu Classens leichtesten Übungen. Um bei Streitigkeiten um Unterhaltszahlungen etwa herauszubekommen, ob eine Frau bereits wieder mit einem neuen Mann zusammenlebt, gibt sich der Detektiv zum Beispiel als Mitarbeiter eines namhaften Fernsehsenders aus. Mit der Kamera auf der Schulter, Klemmbrett unter dem Arm und stilechtem TV-Outfit klingelt er an der Wohnungstür. „Ich sage dann, dass wir demnächst einen Film drehen und ich für Probeaufnahmen gern mal auf den Balkon möchte. Die meisten bitten einen dann herein", sagt Classen. In der Wohnung schaut sich der vermeintliche Kameramann unauffällig um, fragt, ob er mal die Toilette benutzen dürfe und sucht im Badezimmer gezielt nach verdächtigen Utensilien wie einer zweiten Zahnbürste im Zahnputzbecher, einem Rasierer oder einem Bademantel für Männer. „Wichtig ist, dass man überzeugend rüberkommt und auch auf eventuelle Nachfragen vorbereitet ist", sagt Classen. Falls er sich ausweisen soll, gibt er vor, seinen Ausweis im Auto vergessen zu haben. Für eventuelle Rückfragen nennt er Telefonnummern, unter denen fiktive Sekretärinnen glaubwürdig Rede und Antwort stehen.

„Die Wahrheit muss man in Deutschland nur vor Gericht sagen. Lügen ist nicht strafbar. Sich mit Gewalt Eintritt in fremde Wohnungen zu verschaffen dagegen schon", betont Classen. Die Detektiv-Serien im Privatfernsehen sind für ihn ein einziger Alptraum und bestenfalls als Übung für den juristischen Nachwuchs geeignet. Der könne dann auflisten, wie viele und welche Straftaten dort in nur 45 Minuten begangen werden. „In Serien wie ´Lenßen und Partner´ öffnen die Ermittler die Tür mit einer Kreditkarte, durchwühlen Schubladen und Schränke, verwanzen sämtliche Räume und rennen mit der Waffe durch die Gegend." Der Detektiv schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Wenn ich so arbeiten würde wie die im Fernsehen, säße ich schon längst im Knast!"

Als Detektiv darf Classen alles, was vom Gesetz nicht ausdrücklich untersagt ist. „Wir haben keinerlei Sonderrechte, aber das nötige Knowhow, die richtigen Kontakte und Netzwerke, um an Informationen zu kommen", sagt der Ermittler. Er muss so rechtskundig sein, dass er die geltenden Bestimmungen nicht überschreitet, um nicht selbst mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Wilde Autoverfolgungsjagden, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, sind tabu. „Ich will schließlich nicht meinen Lappen verlieren", meint Classen. Mit seinem Team wird er ausschließlich auf der Grundlage geltenden Rechts tätig. Sämtliche Ermittlungsprojekte werden durch die hauseigene juristische Abteilung begleitet. Sie sorgt auch für die Gerichtsverwertbarkeit aller Resultate. Fotos sind für die Beweisführung vor Gericht übrigens nicht zwingend notwendig. Neben der Zeugenaussage haben sie lediglich ergänzenden Wert. Telefonate technisch abzuhören oder aufzuzeichnen ist hingegen streng verboten, Gespräche live mitzuhören jedoch nicht. Classen erinnert sich an einen Erpressungsfall in Bremen. „Als Opfer und Täter im Café miteinander gesprochen haben, saßen unsere Ermittler an den Nachbartischen und haben mitgehört. Die Zeugenaussagen wurden vor Gericht problemlos anerkannt", berichtet Classen.

Mancher Fall birgt aber auch Überraschungen. Nicht jeder Verdacht erhärtet sich. Erst neulich kam heraus, dass ein observierter Mitarbeiter tatsächlich mit einer Grippe im Bett lag. Sein Chef hatte vermutet, der Mitarbeiter mache krank und arbeite nebenbei schwarz. Durch Classens Ermittlungen konnte der Mann entlastet werden. Auch darum liebt Classen seinen Job: „Meine Aufgabe ist es, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Das Gute ist, dass ich als Detektiv dabei immer auf der richtigen Seite stehe!"

Quelle: Hannovers Stadtillustrierte
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